Bronzen

Sehzeit. Spielzeit. Gleich Akrobaten, die sich in der Zirkusarena zu schwindelerregenden Höhen übereinander stapeln, schwingen sich bei Margot Luf Formen auf und erobern den Raum; strecken hier noch einen Kreis nach oben und dort noch einen Bogen nach links und obenauf sitzt noch eine Sichel oder ein Stern.
 
Die Verbindung der einzelnen Teile, aus denen sich die Formenarrangements Margot Lufs zusammensetzen, beschränkt sich dabei auf einzelne Punkte, an denen die Zylinder, Bögen, Halbkreise oder Dreiecke dem Ganzen gehorchen, bevor sie sich wieder ganz ihrem Eigenleben zuwenden. Obwohl in ihrem Ausdruck verdichtet, verlieren die Bronzen nie das sie bedingende, lockere Element. Ihre assemblageartige Formfindung resultiert aus einer rhythmisch angelegten, formalen Variationsbreite, die für immer neue Ausdruckswelten sorgt. Dabei tritt der Betrachter gewissermaßen in einen Dialog mit den Skulpturen, in dessen dynamischen Verlauf er selbst zum aktiven Teilnehmer, zum Performer wird.
 
Der spielerisch vorgetragene Charakter der Bronzen, ihre Bewegung zueinander und voneinander weg, evoziert eine emotionale Offenheit, die Raum schafft für Disziplin und Gefühl, für Vernunft und Poesie. Aus dieser Verbindung von Antipoden sowie aus dem Changieren zwischen prozesshafter Flüchtigkeit und dauerhafter Setzung ziehen sie ihre spannungsvolle Kraft.
 
Der Formfindung folgt in den Arbeiten von Margot Luf in einem weiteren Schritt der Umgang mit Farbe. Blaue, rote, gelbe und grüne Farbflächen entmaterialisieren ferne die Schwere und Dauerhaftigkeit der Bronze, die wie kaum ein anderes Material die Illusion der Dauerhaftigkeit impliziert. Form und Farbe amalgamisieren im Werk Margot Lufs zu meist schwungvollen, vitalen Skulpturen, die dem, der das Betrachten liebt, ein gutes Gefühl geben. Neben dieser Sinnlichkeit ist ihnen eine künstlerische Intelligenz eingeschrieben, stellen sie doch – mit den Worten Per Kirkebys – „eine andere Form nicht wirklich formulierbarer Einsicht“ dar.
 
Christine Hamel, Auszug aus dem Katalog „Margot Luf Skulpturen“